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  • Silke Balsam-Wefer

Empty-Nest-Syndrom: Eltern in der Krise


Hilfe, mein Kind zieht aus!


War ich nicht gerade schwanger? Es ist doch noch gar nicht so lang her, dass ich sie auf diese Welt gebracht habe. Ich war gefühlt eben noch mit ihr beim Kinderturnen, bei der Einschulung, beim Abiball….


War es nicht erst vor ein paar Wochen, als ich sie beim ersten Liebeskummer getröstet, den ersten großen Streit mit der besten Freundin zusammen mit ihr ausgehalten habe?

Gerade hatten wir noch darüber gesprochen, was nach dem Abi passieren soll, haben gemeinsam nach Ausbildungsberufen geguckt, waren aufgeregt vor dem 1. Bewerbungsgespräch.


Dass es eng wird, habe ich durchaus bemerkt. Es ging nach Hamburg in die große, weite Welt. Oft war sie nachts nicht mehr zu Hause oder kam erst am frühen Morgen zurück.

Dann plötzlich brach die Neuigkeit aus ihr heraus: Ich werde Ende des Jahres ausziehen. Mir blieben die Luft und auch die Sprache weg. Dabei bin ich keineswegs auf den Mund gefallen.

Das musste ich erstmal verarbeiten. Tausend Gedanken gingen durch meinen Kopf, so viele Bilder mit gemeinsamen Erlebnissen und Momenten. Meint sie das ernst, oder wollte sie uns nur auf die Probe stellen? Nein, es war die Realität! Ich konnte es ganz deutlich in ihrem Gesicht lesen.


Wir bereiten unsere Kinder auf diesen Moment vor. Nur vergessen wir dabei ganz, dass wir auch davon betroffen sein werden. Es gibt keine Vorerfahrungen für diese Phase, die nun eintritt. Genauso wenig, wie ich wusste, wie es sich anfühlt, Mutter zu sein. Nun weiß ich nicht, wie es ohne meine Tochter sein wird.


Es tut so weh, Tränen fließen. Nun ist sie da, die Trauer! Wie soll ich das nur jemals schaffen? Nichts wird wieder so sein, wie es gewesen ist. Es wird ruhiger werden. Es wird weniger Aufregung geben. Ich werde nicht mehr die Erste sein, die sie um Rat fragen wird. Werde ich denn überhaupt noch von ihr gebraucht werden?

Meine Tochter verlässt das Haus und wir, die Eltern, bleiben zurück. Wir werden wieder das werden, was wir früher einmal waren, ein Paar. Wer sind wir nun, wenn wir als Eltern in Rente gehen?


Es gibt ein Leben nach den Kindern


Was wir nicht vergessen dürfen: Unsere Kinder ziehen zwar aus dem gemeinsamen Zuhause aus. Sie verlassen uns jedoch nicht. Sie bleiben uns erhalten, wenn auch auf eine neue Art und Weise.


Es gibt da noch etwas, was auf uns wartet, eine neue Freiheit, die ganz wunderbar sein kann und auch darf. Diese wartet auf uns, wenn wir nach der ersten kinderlosen Zeit nicht mehr zu viel eingekauft, zu viel gekocht, vielleicht mit einem kleinen Teil in uns zu viel gewartet haben.


Schaffen Sie neue Rituale, finden Sie einen neuen Umgang mit Ihren Kindern und ihrem Partner:


- Akzeptanz des Unvermeidlichen: Es ist das Normalste von der Welt, wenn Ihr Kind das Haus verlässt. Herzlichen Glückwunsch! Sie haben Ihr Kind zu einem selbstständigen Menschen erzogen, der nun die Welt erkunden will. Versuchen Sie nicht, den Auszug hinaus zu zögern. Unterstützen Sie Ihre Kinder vielmehr dabei.


- Trauer darf sein: Lassen Sie den Schmerz zu, erleben Sie den Abschied, das Loslassen ganz bewusst. Nehmen Sie das Verlassen werden, das Zurückbleiben an. Wie bei einer Trauer kann es zu Folgendem kommen: Nicht wahrhaben wollen, Ärger und Wut, Schwanken zwischen Distanz und Nähe bis hin zum Frieden finden mit der neuen Lebenssituation. Erst wenn Sie diesen Gefühlen genügend Raum gegeben haben, kann eine neue Begegnung mit Ihrem Kind stattfinden, eine Annäherung auf Augenhöhe zwischen Erwachsenen.


- Sorgen Sie für ein Netz der Sicherheit: Kinder, die ausziehen, sehen vor allem die neuen Freiheiten, die damit verbunden sind. Die neuen Verpflichtungen treten zunächst in den Hintergrund. Vielleicht übernehmen sich die Kinder finanziell. Bieten Sie Ihren Kinder Ihre Unterstützung an, finanziell, mit Rat und Tat. Das gibt ihnen Sicherheit.


- Bleiben Sie Anlaufstelle für Ihre Kinder: Es werden Probleme und alltägliche Herausforderungen auftauchen, bei denen Ihre Meinung, Ihre Erfahrung und Ihre Hilfe gefragt sein werden. Die sozialen Medien machen es uns heute sehr viel einfacher, im Kontakt zu bleiben.


- Genießen Sie die neuen Freiheiten: Der Urlaub kann nun unabhängig von den Kindern geplant werden. Die Wäscheberge nehmen keine unüberwindbaren Maße mehr an, der Einkauf gestaltet sich einfacher, genauso wie das Kochen. Es gibt so viel zu entdecken, haben Sie Geduld dabei!


- Lassen Sie Ihr Kind eigene Erfahrungen machen: Auch wenn es nicht einfach ist, Sie können Ihr Kind nicht vor allen Gefahren beschützen. Sie dürfen Ihre eigenen Erfahrungen sammeln. Nur so können sie wachsen, sich weiterentwickeln. Das galt schon für die Zeit des Zusammenlebens und gilt jetzt nach dem Auszug umso mehr.


Das sogenannte Empty-Nest-Syndrom ist kein Märchen. Es existiert wirklich. Es trifft jeden, die einen mehr, die anderen weniger. Akzeptieren Sie diesen nicht vermeidbaren Auszug Ihres Kindes. Es darf nun erwachsen werden! Sie haben Ihre Aufgabe erfüllt! Finden Sie sich in diesem neuen Lebensabschnitt zunächst einmal zurecht. Auch dieser hat seine Reize und Abenteuer.


Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und schöne Momente bei der Umsetzung der oben genannten Tipps.


Sollten Sie sich darüber hinaus professionelle Unterstützung wünschen, vereinbaren Sie gern einen Termin bei mir.


Ihre Silke Balsam-Wefer




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