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  • Silke Balsam-Wefer

Corona: Unsere ganz persönliche Krise

Lange habe ich mit mir gerungen. Schreibe ich etwas zu dem Thema, zu dem sich gefühlt alle äußern bzw. berufen fühlen, ihre ganz persönliche Meinung kund zu tun? Ist nicht schon alles irgendwie gesagt und geschrieben worden. Reicht das nicht so allmählich?

Wie Sie unschwer erkennen können, habe ich mich doch dazu entschlossen. Ich habe mich dazu entschlossen, dass es doch noch nicht ausreicht.

Es ist wirklich viel geschrieben und beschrieben worden, über die wirtschaftlichen Folgen, die Impfungen, die Inzidenzzahlen, die Verfügbarkeit und Preise von Schnelltests. Wir werden überflutet mit Informationen und neuen Regeln, lernen neue Begriffe kennen und neue Verhaltensmaßnahmen:


- Brücken-Lockdown

- Pandemie

- Hände desinfizieren

- Beschränkung unserer Sozialkontakte

- Abstand halten

- Maske tragen

- Usw.


Was kommt noch alles? Was wird heute beschlossen, was morgen keinen Bestand mehr haben wird? Welche Informationen erhalten wir, die dann doch wieder relativiert werden? Wer soll hier noch durchsteigen? Es bleibt das Gefühl der Ohnmacht, der Hoffnungslosigkeit und vielleicht sogar auch der Wut!


Corona geht uns alle an. Wir sind alle davon überrascht worden und können uns nicht entziehen, weder von den alltäglichen Einschränkungen noch von den Langzeitfolgen.

An dieser Stelle möchte ich über die Menschen schreiben, die davon besonders betroffen sind. Es sind Menschen, die mir in meiner Praxis begegnen, die mich anrufen und unbedingt einen Termin brauchen. Menschen, die sich in einem seelischen Tief (Depressionen, Ängste, Trauer, Hoffnungslosigkeit) befinden. Diese trifft es besonders hart.


Der Lockdown verschlechtert den Verlauf von Krankheiten und die Versorgung von psychisch Kranken massiv. So war es unter anderem im Newsletter der Stiftung Deutsche Depressionshilfe im März zu lesen.


Doch macht der Lockdown nicht besonders sichtbar und unmittelbar erlebbar, was schon seit Langem so ist? Etwas, was noch nie so deutlich wurde und jetzt immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit tritt? Die schon vor der Pandemiezeit mehr als angespannte Versorgungssituation von psychisch Kranken hat sich weiter verschärft.


Viele Menschen, die sich in einer akuten Notsituation befinden, bekommen keinen Behandlungstermin, obwohl dieser gerade jetzt so wichtig wäre. Der 2. Lockdown hat besonders negative Auswirkungen: Fehlende soziale Kontakte, Bewegungsmangel, einhergehend mit längeren Bettzeiten und fehlende Alltagsroutinen führen zu Verschlechterungen des psychischen Gesundheitszustands und zwar erheblich mehr als beim 1. Lockdown.


Wäre es dann nicht endlich einmal an der Zeit und dringend notwendig, bei der Entscheidung von Maßnahmen gegen Corona, diese nicht nur auf die Infektion an sich zu beschränken?


Auch die Allgemeinbevölkerung empfindet die Situation im 2. Lockdown belastender als vorher. Die Mitmenschen werden als rücksichtsloser und intoleranter erlebt. Viele Menschen haben Angst um ihre berufliche Zukunft, um ihren Job.


Corona macht vor niemanden halt. Zunehmend fühlen sich Jugendliche hoffnungs- und perspektivlos. Sie haben Angst nach einer langen Zeit des Online-Unterrichts, wieder zur Schule zu gehen, sehen keinen Sinn mehr darin.


Studenten berichten von Lustlosigkeit, von mangelnder Motivation und Konzentrationsfähigkeit. Überlegungen, das Studium zu unterbrechen oder zu beenden, werden geäußert.


Es ist eben doch mehr als nur das Lernen, der Online-Unterricht bzw. die Online-Vorlesung. Wir brauchen den Austausch mit unseren Schulfreunden, mit unseren Kommilitonen. Es fehlt die Unterstützung durch die anderen. Es fehlt die Gemeinsamkeit.



Was können wir dennoch unter diesen ungünstigen und nicht zufrieden stellenden Bedingungen konkret tun? Was kann uns Linderung verschaffen? Wie kommen wir raus aus unserem dunklen Loch?


Es sind Tipps und kleine Übungen, die uns allen weiterhelfen können, ob unsere Angehörigen oder wir selbst davon betroffen sind, oder ob wir einfach nur etwas Gutes für uns tun wollen:


1. Beschäftigen Sie sich mit Ihren Gedanken

Veränderung ist nicht nur möglich, sondern unvermeidlich! Die Unsicherheit, die wir in Corona-Zeiten besonders deutlich wahrnehmen, kann auch eine Quelle der Hoffnung sein. Denn sie bedeutet ganz konkret, dass sich Dinge verändern und nichts so bleiben wird, wie es gerade ist. Werden Sie sich dessen bewusst, richten Sie Ihre Gedanken darauf aus: Was ist dennoch möglich? Was möchte ich in der Zukunft erreichen? Wie sehen meine Ziele aus? Welche Bedürfnisse habe ich?


2. Strukturen helfen

Strukturieren Sie Ihren Tag, besser gleich Ihre ganze Woche. Fertigen Sie einen Wochenplan an. Teilen Sie dabei den jeweiligen Tag in Abschnitte ein (vormittags, nachmittags und abends). Dabei dürfen sich Pflichten selbstverständlich mit Dingen, die Ihnen Freude machen, abwechseln. Aufstehen, Arbeits- und Lernzeiten, Mahlzeiten, Aufgaben im Haushalt, lesen, tanzen, Sport, Entspannungsübungen.

Wenn Sie gar nicht mehr so ganz genau wissen, was Ihnen Spaß machen könnte, erinnern Sie sich an die Zeit, als es Ihnen noch so richtig gut ging. Was haben Sie „damals“ voller Begeisterung gemacht? Was haben Sie davon schon so lang nicht mehr erlebt? Was haben Sie gern gerochen, gefühlt, gegessen, gehört und sich angesehen? Lassen Sie sich Zeit, spüren Sie hinein, und lassen Sie Ihre 5 Sinnesorgane daran teilhaben.


3. Werden Sie aktiv

Werden Sie nicht zum Couch-Potato. Das macht träge, dick und vor allem unglücklich. Überwinden Sie Ihren inneren Schweinehund, der Veränderungen so gar nicht möchte. Beginnen Sie mit kleinen Schritten, überfordern Sie sich nicht.

Jede Bewegung, vor allem an der frischen Luft, ist gut für unsere Psyche. Sie lässt uns wieder klarer denken. Sport ist auch in diesen Zeiten noch möglich und zwar in vielfältiger Art und Weise, die uns zum Teil sogar kostenlos zur Verfügung stehen.

Entdecken Sie doch einmal wieder einen Trimm-Dich-Pfad in Ihrer Nähe. Nutzen Sie die Natur für Dehnübungen. Werden Sie kreativ.


4. Ausreichender Schlaf

Achten Sie auch hier auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus. Gerade depressive Menschen möchten morgens am liebsten im Bett liegen bleiben, weil sie sich zu erschöpft und kraftlos fühlen, um in den Tag starten zu können.

Dieses würde jedoch gerade verstärkend auf das Erschöpfungsgefühl und die Depression wirken. Überwinden Sie dieses sogenannte Morgentief. Sie können sicher sein, dass es im Laufe des Tages besser werden wird.


5. Soziale Kontakte:

Sie arbeiten im Home-Office? Es wird höchste Zeit rauszugehen! Auch wenn Sie nur die Besuche machen, die noch möglich und erlaubt sind. Lassen Sie sich die Freude daran nicht nehmen. Betrachten Sie neugierig und voller Aufmerksamkeit Ihre Umgebung, als wenn Sie erst dorthin gezogen sind. Sie haben nun die Zeit dafür!

Vor Corona war der wöchentliche Einkauf eine lästige Pflicht?! Nehmen Sie diese Aufgabe ganz bewusst wahr. Suchen Sie sich eine Drogerie oder einen Supermarkt aus, in denen Sie sich wohl fühlen, die etwas Besonderes und Abwechselung zu bieten haben, sei es frische Blumen, Zeitschriften oder Deko. Nehmen Sie sich hierfür gern etwas mehr Zeit als früher. Vielleicht entdecken Sie dabei so manche Neuigkeit für zu Hause.


6. Schließen Sie jeden Tag mit etwas Positivem ab

Führen Sie ein 3 Punkte-Tagebuch: Worüber habe ich mich heute gefreut? Was war noch nicht so gut und wie kann ich es verändern? Worüber freue ich mich in den nächsten Tagen?

Machen Sie eine Entspannungsübung, oder nehmen Sie wieder einmal ein Buch in die Hand. Es darf sich vor allem gut für Sie anfühlen.


Wenn Ihnen so rein gar nichts Positives einfallen sollte: Machen Sie sich bewusst, dass wieder ein Tag im Leben mit der Pandemie vorüber gegangen ist und Sie damit einen weiteren Schritt in Richtung Ende derselben gegangen sind.


Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und hilfreiche Erkenntnisse bei der Umsetzung dieser Techniken. Nehmen Sie auch die kleinen, positiven Veränderungen ganz bewusst wahr.

Sollten Sie sich darüber hinaus professionelle Unterstützung wünschen, melden Sie gern bei mir.


Ihre Silke Balsam-Wefer

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